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„Heimsuchung“: Erzählung oder Theaterstück?

Am 23.09.2026 besuchten die Deutschkurse des 13. Jahrgangs von Herrn Bastian, Herrn Krück, Frau Schwier und Frau Strelow das Theaterstück „Heimsuchung“ nach dem gleichnamigen Roman der Autorin Jenny Erpenbeck in der Gifhorner Stadthalle. Er ist in diesem Jahr Pflichtlektüre im 13. Jahrgang. Alle kannten also den Roman. Die szenische Umsetzung war entsprechend eine willkommene Vertiefung des Unterrichts. Der Schüler Conner Kuechler hat sich mit ihr in einer Rezension auseinandergesetzt


Ein Haus, ein Grundstück und fast ein ganzes Jahrhundert Geschichte: In der Inszenierung von Jenny Erpenbecks Roman Heimsuchung wird ein Sommerhaus am Märkischen Meer zum Mittelpunkt einer Geschichte, in der sich die Lebenswege zahlreicher Menschen kreuzen. Regie führte Ulrike Müller, Bühne und Kostüme stammen von Jan Lehmann. Die Dramaturgie übernahm Maren Simoneit. Das Stück dauert etwa zweieinhalb Stunden. 

Im Mittelpunkt steht ein Grundstück mit einem Haus am See. Über einen Zeitraum von ungefähr hundert Jahren hinweg erzählt das Stück von den Menschen, die dort leben, das Haus besitzen oder es wieder verlassen müssen. Dabei reicht die Geschichte von der Zeit der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus und die DDR bis in die Zeit nach der Wiedervereinigung. Besonders deutlich wird, wie politische und gesellschaftliche Umbrüche in die persönlichen Lebensgeschichten der Figuren eingreifen. So verliert beispielsweise Doris Kaplan während der NS-Zeit ihr Leben, während andere Bewohnerinnen und Bewohner später durch Flucht, Vertreibung oder politische Veränderungen ihr Zuhause verlieren. Die zentrale Frage lautet dabei, was Heimat eigentlich bedeutet und ob ein Ort überhaupt dauerhaft Heimat sein kann.

Besonders auffällig ist zunächst das Bühnenbild. Es verändert sich während des gesamten Stücks kaum. Statt immer neue Schauplätze aufzubauen, wird die vorhandene Bühne von den Schauspielerinnen und Schauspielern selbst mit Requisiten und Kostümen gestaltet. Diese sind allerdings eher sparsam eingesetzt. Das hat den Vorteil, dass die Aufmerksamkeit auf die Figuren und ihre Geschichten gelenkt wird. Gleichzeitig empfand ich das gleichbleibende Bühnenbild auf Dauer als wenig abwechslungsreich. Gerade weil das Stück einen Zeitraum von etwa hundert Jahren umfasst, hätte ich mir mehr sichtbare Veränderungen gewünscht, die die unterschiedlichen Epochen und Lebenssituationen stärker voneinander abheben.

Eine interessante Idee ist dagegen die Darstellung der verschiedenen Jahreszahlen. Am Rand der Bühne steht ein Koffer, auf dem für die jeweilige Szene das passende Jahr angezeigt wird. Dadurch kann das Publikum schnell einordnen, in welcher Zeit die Handlung gerade spielt. Gerade bei einem Stück, das so viele Jahrzehnte umfasst, ist diese Orientierung hilfreich und verhindert, dass die zeitlichen Sprünge zu unübersichtlich werden.

Sehr wirkungsvoll wurde mit Licht gearbeitet. Es kamen sowohl warmes als auch kaltes Licht zum Einsatz. Bereits am Anfang wurde durch die Beleuchtung beispielsweise ein Gletscher dargestellt. Dadurch entstand ein Bild, ohne dass dafür ein aufwendiges Bühnenbild notwendig war. Die unterschiedlichen Lichtstimmungen unterstützten außerdem die Atmosphäre einzelner Szenen und machten deutlich, dass die Bühne nicht nur durch Gegenstände, sondern auch durch Licht verwandelt werden kann.

Auch Musik und Ton spielten eine wichtige Rolle. Es gab verschiedene musikalische Momente, die die Stimmung der Szenen unterstützten. Besonders interessant fand ich den Einsatz von Ton für Ansagen, die teilweise bewusst wie Radiodurchsagen wirkten. Jedoch verwunderlich fand ich, dass dieses nicht dauerhaft oder nach einem erkennbaren Muster verwendet wurde, sondern scheinbar in zufälligen Momenten.

Bei der Darstellung der Geschichte fällt allerdings auf, dass mehr erzählt als tatsächlich gespielt wird. Die Schauspielerinnen und Schauspieler berichten häufig von Ereignissen und Lebensgeschichten. Dadurch kann in relativ kurzer Zeit ein großer Zeitraum abgedeckt werden.

Trotzdem wird die Romanvorlage insgesamt gut eingefangen. Die zentrale Idee des Romans, ein Haus beziehungsweise einen Ort zum Ausgangspunkt für die Lebensgeschichten verschiedener Menschen zu machen, bleibt erhalten. Auch die Verbindung zwischen Heimat, Erinnerung, Verlust und historischen Veränderungen wird auf der Bühne deutlich. Das passt zu der Aussage, dass Heimat nicht nur ein bestimmter Ort, sondern vor allem ein Gefühl sein kann. Die Figuren suchen auf unterschiedliche Weise nach einem solchen Gefühl von Zugehörigkeit, obwohl sich die politischen und persönlichen Umstände immer wieder verändern.

Kritisch sehe ich allerdings die Darstellung der Vergewaltigungsszenen. Diese Szenen haben mich in ihrer Inszenierung besonders gestört. Bei einem Stück, das ohnehin viele schwere historische und persönliche Schicksale behandelt, hätte ich mir hier eine zurückhaltendere Form der Darstellung gewünscht. Für mich wirkte die konkrete Darstellung unangenehm und lenkte dadurch von der eigentlichen inhaltlichen Auseinandersetzung ab.

Insgesamt gelingt es dem Theaterstück, die umfangreiche Romanvorlage auf die Bühne zu übertragen und die wichtigsten Themen des Romans sichtbar zu machen. Besonders die Arbeit mit Licht, Musik und Ton sowie die Idee mit dem Koffer und den Jahreszahlen funktionieren gut. Gleichzeitig hat die Inszenierung für mich einige Schwächen: Das über weite Strecken gleichbleibende Bühnenbild wirkt wenig abwechslungsreich, die Geschichte wird häufig eher erzählt als gespielt und die Darstellung der Vergewaltigungsszenen hat bei mir einen negativen Eindruck hinterlassen.

Damit bleibt für mich eine interessante, aber insgesamt eher distanzierte Theatererfahrung zurück. Der Roman wird in seinen zentralen Themen gut eingefangen, doch gerade die Art der Inszenierung sorgt dafür, dass mich das Stück emotional weniger erreicht hat, als ich es mir gewünscht hätte.

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